Forschung

1.7.2015 - 30.6.2019

Sonderforschungsbereich 933 Materiale Textkulturen A03-UP2
an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg:

Magie im Kontext: defixiones und die Kommunikation mit antiken Göttern

 

Projekt-Präsentation:

In den vergangenen 15 Jahren hat die Beschäftigung mit Magie im griechisch-römischen Altertum und insbesondere mit defixiones einen regelrechten Boom erfahren. Neben langfristig angelegten Datenbankprojekten sind zahlreiche Corpora erschienen, nicht selten als universitäre Qualifikationsarbeiten. Dazu kommen in großer Zahl Vorlagen von Neufunden sowie die Diskussion einzelner beziehungsweise ganzer Gruppen von Fluchtafeln unter linguistischen, inhaltlichen und archäologischen Aspekten.

Das Vorhaben im Rahmen des SFB 933 verfolgt einen neuen Ansatz für die Bewertung von defixiones: Wurden diese bisher stets innerhalb eines eng gedachten Forschungsfeldes „Magie“ betrachtet, wird diese begrenzte Perspektive hier nun geöffnet, indem Fluchtafeln als ein Mittel der Kommunikation antiker Menschen mit den Göttern verstanden und gleichzeitig anderen Möglichkeiten gegenübergestellt werden.

Mit derartigen anderen Möglichkeiten habe ich mich in jüngster Vergangenheit intensiv auseinandergesetzt: In einer Reihe von Studien habe ich untersucht, aus welchen Gründen Menschen in der Antike ein votum formulierten, das heißt eine Gottheit um Hilfe baten und hierfür eine Gegengabe versprachen. Ferner habe ich danach gefragt, womit solche Gelübde einlöst wurden, was die göttliche Hilfe also wert war. In den genannten Arbeiten habe ich jeweils Ausschnitte der rund 12.000 überlieferten lateinischen Votivinschriften näher in den Blick genommen. Eine systematische Analyse habe ich schließlich zu jenen 1.500 lateinischen Sakralinschriften monographisch vorgelegt, die die Wendung donum dedit enthalten und damit ein Geschenk an die Götter bezeugen.1 Anders als in den Votivinschriften war hier die Gabe (zumindest explizit) nicht an eine vorherige Leistung der Götter geknüpft. Im Rahmen dieser Studie habe ich auch die 12.000 Votivinschriften in einer Weise vergleichend aufbereitet, dass nun gezielte, weiterführende Untersuchungen zur Kommunikation mit antiken Göttern möglich sind, die die ausgetretenen Pfade von Reichs-, Provinzial- und Individualreligion verlassen.

Solche Analysen, die neben donum- und votum-Inschriften zentral defixiones einbeziehen, stehen im Mittelpunkt der 2. Förderperiode in UP2. Erstmals in der Forschung zu antiken sakralen Praktiken sind jetzt Studien zu Fragen wie den folgenden möglich: Erhielten alle römischen Götter in gleicher Weise Geschenke wie sie Adressaten von Hilfegesuchen und vota waren? Wandte man sich an diese Götter auch bei der Verfluchung von Kontrahenten oder zeichnen sich bestimmte göttliche „Zuständigkeiten“ und je nach Anlass spezifische Kommunikationsweisen ab? Kommunizierten verschiedene antike Bevölkerungsgruppen in gleicher oder einer für sie jeweils typischen Weise mit den Göttern? Was waren die Gründe und Hintergründe von Geschenken, Gelübden und Verfluchungen? War die Wahl des Mediums zweckgebunden oder, wie es die religionsgeschichtliche Forschung bisher eher suggeriert, austauschbar? Was stiftete man jeweils als Geschenk beziehungsweise in Gegenleistung für die göttliche Unterstützung? Inwieweit ergänzt hier die konkrete Materialität, das heißt Form und Beschaffenheit der schrifttragenden Artefakte, die jeweiligen epigraphischen Angaben?

Die ersten im Rahmen von A03-UP2 durchgeführten Pilotstudien haben das Potenzial, das den antiken Fluchtafeln für derartige übergeordnete und neue, vergleichende Fragestellungen innewohnt, deutlich gemacht:

Ein erster Beitrag hat seinen Ausgangspunkt in der Beobachtung, dass die Anrufung einer Gottheit als „guter Gott“, bonus deus oder bona dea, kein Charakteristikum der über 20.000 aus der lateinischsprachigen Antike bekannten Sakralinschriften darstellt, die die betreffenden Götter prinzipiell immer möglichst positiv darzustellen versuchen. Überraschenderweise aber tritt die Wendung dagegen mehrfach in Fluchtafeln auf.2 Die Gegenüberstellung der Zeugnisse führt zu unerwarteten Einsichten in die Hintergründe dieser Praktiken.

Eine zweite Studie analysiert den Charakter der Göttin Proserpina, die als Unterweltsgöttin zu den am häufigsten in defixiones angerufenen Gottheiten zählt. Außer in Fluchtafeln ist Proserpina jedoch auch Adressatin einer Reihe von Votivinschriften.3 Der Vergleich zeigt ein sehr differenziertes und regional unterschiedliches Verständnis der mit Proserpina angesprochenen Gottheit: Einerseits ist sie, und zwar zentral im Kernland des Imperium Romanum, Mittlerin bei der Verfluchung anderer Personen, andererseits vor allem auf der iberischen Halbinsel servatrix, Bewahrerin in Situationen persönlicher Not.

Wahrnehmung und Umgang mit Fieber in verschiedenen magisch-religiösen Medien der römischen Kaiserzeit stehen im Mittelpunkt einer dritten Studie.4 Mit Amuletten suchte man sich gegen Fieber zu schützen, das bemerkenswert häufig als Todesursache in lateinischen Grabinschriften genannt wird. Der Furcht und dem Schutz vor Fieber stehen andererseits Fluchtafeln gegenüber, in denen einer verfluchten Person Fieber in verschiedensten Varianten auf den Leib gewünscht wurde.

Ein weiteres, derzeit gemeinsam mit Daniela Urbanová (Brünn) und Konrad Knauber (TPA03-UP3) verfolgtes Publikationsvorhaben hat die Formulierung „adiuro per vos“ zum Gegenstand. Diese tritt konzentriert und exklusiv in drei verschiedenen epigraphischen Medien und Zusammenhängen auf: in lateinischen Fluchtafeln aus Nordafrika aus dem 3.Jh.n.Chr., in frühchristlichen Grabinschriften aus Italien aus dem 6./7.Jh.n.Chr. sowie in mittelalterlichen Amuletten aus dem 11./12.Jh. Ziel der vergleichenden Betrachtung ist die Analyse der Bedeutungskontexte der Wendung und ihres in Zeit und Medium gespiegelten Wandels.



1 Ulrike Ehmig. Donum dedit. Charakteristika einer Widmungsformel in lateinischen Sakralinschriften (Pietas 9), Gutenberg 2017.

2 Ulrike Ehmig, Guter Gott! Bonus deus in lateinischen Fluchtafeln, Graeco-Latina Brunensia 20/2, 2015, 3–15

3 Ulrike Ehmig, Proserpina: Wandlerin zwischen den Welten, Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik 200, 2016, 305–311.

4 Ulrike Ehmig, Allgegenwärtiges, verfluchtes Fieber. Inschriften in Stein, Amulette und Fluchtafeln in der Antike, in: Michaela Böttner – Ludger Lieb – Christian Vater – Christian Witschel (Hrsg.), 5300 Jahre Schrift, Heidelberg 2017, 30–33.

 

 

12.2011 - 14.3.2012 und 15.3.2014 - 30.6.2015

Marie Curie-Stipendium im Rahmen des M4Human-Programms von Gerda Henkel-Stiftung und EU
an
Anthropologie et Histoire des Mondes Antiques ANHIMA (Année Épigraphique AE) Paris:

Epigraphic and Religious Habits in Latin Votive Inscriptions

 

Die Ergebnisse des Forschungsprojektes sind unter dem Titel
Donum dedit: Charakteristika einer Widmungsformel in lateinischen Sakralinschriften
als Band 9 der Reihe "Pietas" (Gutenberg 2017) erschienen.

 

Zusammenfassung des Projekt-Endberichtes:

Im Rahmen des M4Human-Programms, das die Gerda Henkel-Stiftung in Kofinanzierung durch die EU im Jahr 2011 initiiert hatte, wurde mein Projektantrag „Epigraphic and Religious Habits in Latin Votive Inscriptions“ mit einem Marie Curie-Stipendium an der Arbeitsstelle der L’Année Épigraphique bei ANHIMA (Anthropologie et Histoire des Mondes Antiques) in Paris gefördert. Über 19 Monate hinweg setzte ich mich systematisch mit jenen lateinischen Sakralinschriften auseinander, die die Widmungsformel donum dedit enthalten.

Die religionsgeschichtliche Forschung zur römischen Antike bedient sich nach wie vor maßgeblich der literarischen Quellen und fokussiert damit auf die Oberschichten in Rom und Italien. Inschriften dagegen, die sehr viel breitere Bevölkerungskreise in weiten Gebieten des Imperium Romanum widerspiegeln, erfahren dagegen noch immer nicht die ihnen gebührende Aufmerksamkeit. Entsprechend wurden lateinische Sakralinschriften zwar in Sammlungskatalogen zusammengestellt oder auch für die Frage herangezogen, welche Götter man in bestimmten Regionen verehrte, systematische Analysen der Inschriften als Kommunikationsmittel zwischen Menschen und Göttern aber fehlen bislang noch völlig. Das betrifft zum einen die Diskussion über die ihnen zugrundeliegenden individuellen religiösen Vorstellungen und konkreten Praktiken, zum anderen eine differenzierte Beobachtung von Form und Beschaffenheit der schrifttragenden Monumente sowie insbesondere und hier im Mittelpunkt stehend der Struktur der unterschiedlichen Widmungsformularen.

Bis in jüngste Zeit waren es fast ausschließlich Sakralinschriften mit der Widmungsformel votum solvit oder ex voto, die als Beispiele individueller Ausübung religiöser Kulte im Imperium Romanum oft eher illustrativ herangezogen wurden. Es handelt sich bei diesen Votivinschriften, die – nimmt man die Wendungen ernst – immer in Erfüllung eines vorangegangenen Gelübdes erfolgten, mit rund 12.000 Exemplaren zweifellos um die größte Gruppe lateinischer Sakralinschriften. Viele tausend andere lateinische Sakralinschriften blieben dabei bisher aber gänzlich unberücksichtigt. Dies gilt insbesondere für jene Inschriften, in denen die Stifter davon sprachen, dass sie den Göttern ein donum dargebracht hatten. Sie entstanden der Formulierung nach nicht infolge des Einlösens eines Versprechens, das an die Hilfe der Götter geknüpft worden war, sondern dokumentieren Gaben, ohne dass zuvor eine göttliche Intervention erbeten worden wäre.

Mithilfe der Epigraphischen Datenbank Clauss / Slaby lassen sich 1.500 lateinische Sakralinschriften zusammenstellen, die die Widmungsformel donum dedit enthalten. In der Mehrzahl der betreffenden Zeugnisse ist die Formulierung nicht ausgeschrieben, sondern in einer für lateinische Inschriften häufig kennzeichnenden Form zu d beziehungsweise dd verkürzt. Das Kürzel dd aber kann auch für eine Reihe anderer Begriffe stehen, zum Beispiel decreto decurionum, donis donatus oder dedit dedicavit. Eine erste Aufgabe bestand daher darin, stichhaltige Kriterien zu definieren, wann dd zu donum dedit aufzulösen ist. Die auf dieser Basis ermittelten 1.500 Inschriften stellen nach jenen mit den Wendungen votum solvit oder ex voto die zweitgrößte Gruppe lateinischer Sakralinschriften dar.

Die Dedikationen mit der Wendung donum dedit standen – von einigen sprachwissenschaftlichen Analysen abgesehen – bisher nicht im Mittelpunkt epigraphischer oder religionswissenschaftlicher Studien. In der vorliegenden Arbeit werden sie vor dem Hintergrund folgender Fragen erstmals einer detaillierten Betrachtung unterzogen: Welche Gottheiten wurden mit einem donum bedacht? Erhielten bestimmte Götter dona in besonderem Maße? Wer waren die Stifter? Wie charakterisierten diese sich, wenn sie mehr als nur ihren Namen nannten? Inwieweit ist eine soziale Strukturierung möglich? Bevorzugten gewisse Gruppen von Dedikanten spezielle göttliche Adressaten? Welche Gründe nannte man in den Inschriften für die dona, und was gab man den Göttern zum Geschenk? Die Ergebnisse wurden jeweils im Vergleich mit jenen Zeugnissen diskutiert, die die Formulierung ex voto oder votum solvit enthalten. Dabei stehen die 1.500 donum-Inschriften 12.000 votum-Inschriften gegenüber. Das allgemeine Verhältnis, das allen nachfolgenden Vergleichen als primärer Erwartungswert zugrunde liegt, beträgt also 1:8. Auf dieser vergleichenden Grundlage waren erstmals begründete Überlegungen dazu möglich, wie verschiedene Widmungsformulare in lateinischen Sakralinschriften gebraucht wurden: gleichförmig und gegebenenfalls sogar austauschbar, wie man es häufig in der bisherigen Forschungsliteratur liest, oder in einer Weise, die ein differenziertes antikes Verständnis individueller, privater Kultausübung nahelegt.

Die Ergebnisse lassen sich folgendermaßen zusammenfassen:

Räumliche und zeitliche Verteilung: Zwei Drittel aller donum-Inschriften sind im zentralen Italien konzentriert. Darüber hinaus sind sie vor allem in Nordafrika und dem Balkanraum verbreitet. Ein Gutteil der italischen donum-Inschriften stammt aus republikanischer Zeit mit Wurzeln bis ins 3.Jh.v.Chr. Das Formular ist dann lückenlos bis ins mittlere 3.Jh.n.Chr. belegt. Die Votivinschriften dagegen zeigen keinen Verbreitungsschwerpunkt, insbesondere nicht in Italien. Es liegen darüberhinaus nicht, wie nach dem Gesamtverhältnis zu erwarten, rund 1.000 republikanische votum-Inschriften vor, sondern allenfalls ein Dutzend. Insgesamt treten private votum-Inschriften, die in der Kaiserzeit und insbesondere im 3.Jh.n.Chr. dann dominierend wurden, erst rund 200 Jahre nach den donum-Inschriften in Erscheinung.

Gottheiten, an die man sich mit dona und im Rahmen von vota wandte: Die meisten dona erhalten Silvanus und Hercules, erst danach folgt Iupiter. Als oberster Gott des römischen Pantheons erhält er dagegen eindeutig die meisten votum-Inschriften. Aufschlussreich sind die Stiftungen für Götter wie Saturnus, der in Angleichung an Baal Hammon größte Verehrung in Nordafrika erfuhr, oder die vor allem in der Germania inferior verehrten Matronae und Deae Matres: Dedikanten wandten sich an sie fast ausschließlich in Form von Hilfegesuchen und daran geknüpften Versprechen, kaum aber mit zumindest explizit bedingungslosen Geschenken. Es zeichnet sich ab, dass die Menschen der römischen Antike die unterschiedlichen Wesenseigenschaften und Zuständigkeiten von Göttern in den verschiedenen Reichsgebieten sehr differenziert wahrnahmen und eine bewusste Wahl trafen, an wen sie sich im Falle eines Gelübdes beziehungsweise mit einem donum wandten.

Stifter von dona und Votivgaben: In jeder zweiten donum-Inschrift sagten die Stifter mehr über sich, als nur ihren Namen zu nennen. Donum-Inschriften wurden vor allem von Angehörigen anderer Bevölkerungsgruppen als den führenden ordines gestiftet. Die mit Abstand größte Dedikantengruppe stellen Priester und andere mit sakralen Funktionen betraute Personen dar. Zahlreiche von ihnen waren zugleich Freigelassene, die damit auch den zweitgrößten Stifterkreis definieren. Daneben sind es vor allem administrativ tätige Personen, die als Stifter von dona in Erscheinung treten, außer Gemeindemagistraten vor allem Angehörige privater Gutsverwaltungen. Geschenke wurden den Göttern insgesamt vergleichsweise häufig durch Kollektive oder Stifter, die einer Gruppe vorstanden, dargebracht. Im Gegensatz hierzu waren vota eine sehr viel stärker von Individuen genutzte Kommunikationsform. Bei der Einlösung von Gelübden charakterisierten sich die Votanten insgesamt seltener als bei Schenkungen, nämlich nur in jedem dritten Fall. Die mit Abstand meisten epigraphischen Votivzeugnisse stammen von Soldaten. Weder Priester noch vor allem Freigelassene oder Sklaven traten nach dem Zeugnis der Inschriften maßgeblich mit Bitten und bei erfolgter Hilfe einzulösenden Gelübden an die Götter heran.

Charakteristika von donum und Votivgabe: In jeder fünften donum-Inschrift ist das Geschenk an die Götter näher charakterisiert. Am häufigsten stiftete man bildliche oder plastische Darstellungen einer Gottheit, meist als signum bezeichnet. Mit Abstand folgen Altäre, nochmals seltener wurden ganze Heiligtümer oder Bauteile von solchen als dona gestiftet. Stattdessen bestand eine bemerkenswert große Zahl von dona in Geldspenden sowie in Artefakten aus Edelmetall, deren Gewicht oft exakt beziffert wurde. Weitere als donum deklarierte Gaben waren kleinformatige Säulen, hierauf oder separat stehende Lampen und Gefäße. Bei der Einlösung von Gelübden sagte man sehr viel seltener explizit, worin die Votivgabe bestand. In den meisten betreffenden Fällen handelt es sich um Altäre. In hohem Maße aber war, den Inschriften zufolge, auch die Stiftung oder Wiederinstandsetzung von Heiligtümern, zentraler Bauelemente von Kultorten und auch nicht primär sakral genutzter Bauten Gegenstand eines Gelübdes. Kleinere und bewegliche Gaben wie Lampen, Gefäße, Schmuck, Edelmetall oder Geld werden deutlich seltener im Rahmen von Gelübdeeinlösungen genannt denn als donum.

Gründe von dona und Gelübden: Sieht man von einer Gruppe von donum-Inschriften ab, die ob honorem eines Amtes, zumeist eines Priesteramtes, erfolgten, sind explizit formulierte Gründe, weshalb den Göttern ein Geschenk gestiftet wurde, in nur gerade zwanzig donum-Inschriften zu finden. Auch unter diesen waren erlangte Positionen und Verdienste maßgeblich. Die Freistellung von einem Amt oder einer Geldzahlung konnte ebenfalls Grund für ein donum sein. Nur wenige Inschriften mit diesem Formular resultierten aus der Genesung von einer Erkrankung. Exzeptionell ist die Stiftung anlässlich einer Mondfinsternis, die dem Dedikanten offenbar Furcht bereitete, so dass er sich mit der Bitte quone Lunam auferat Solis lumen sectum an Hercules Victor wandte. Insgesamt jede zwölfte donum-Inschrift wurde aufgrund eines votum gestiftet. Der zunächst überraschende Befund zeigt bei näherer Betrachtung, dass es sich hierbei nicht um eine aus Unverständnis erfolgte Vermischung oder Doppelung von Widmungsformularen handelt. Vielmehr rückt regelmäßig die mit dem donum verbundene Handlung, die zusätzliche Gabe über das ursprünglich Versprochene hinaus, in den Vordergrund. Die betreffenden Zeugnisse, die in zeitlicher wie räumlicher Verbreitung keine Unterschiede zur Masse der donum-Inschriften aufweisen, machen vielmehr deutlich, dass ein differenzierter und wohl überlegter Umgang mit den verschiedenen Formen der Kommunikation mit antiken Göttern auf breiter Basis gegeben war, gleich ob Senator, städtischer Magistrat, Angehöriger des Militärs, Händler, Freigelassener oder Sklave. Im Vergleich mit den inschriftlich überlieferten Votivgründen fällt auf, dass zahlreiche Situationen, die Menschen veranlassten, sich hilfesuchend an Götter zu wenden und für deren Unterstützung eine Gegengabe zu geloben, kein Motiv waren, diesen ein Geschenk zu machen. Gefahren im Zusammenhang mit militärischen Operationen und Gefangenschaft erscheinen in keiner einzigen donum-Inschrift, ebensowenig Seenot oder generell pericula beim Unterwegssein. Auf alle risikoimmanenten Momente, so auch auf Krankheiten, reagierte man offensichtlich mit einem votum. Man versuchte, die Situation mithilfe der Götter, die man in ein vertraglich angelegtes Gelübde einband, zu meistern. Dona dagegen resultierten aus bereits positiv besetzten Situationen und verfolgten das Ziel, einen an sich schon guten Zustand aufrecht zu erhalten und noch weiter zu verbessern.

Am Übergang von der römischen Republik zur Kaiserzeit zeichnet sich maßgeblich im Kernland des Imperium Romanum ein Wandel in der Art und Weise ab, wie Menschen den antiken Göttern gegenübertraten. Zum donum kommt jetzt auch in der individuellen Religiosität das votum hinzu, das es den literarischen Quellen zufolge als Akt von Gemeinden und ihrer wichtigsten Magistrate schon Jahrhunderte lang gab. Neben ein zumindest explizit bedingungsloses Schenken tritt verstärkt ein an Voraussetzungen geknüpftes Interagieren mit den Göttern. Man kann dies einerseits als Ausdruck eines pragmatischeren und selbstbestimmteren Umgangs mit den überirdischen Mächten verstehen. Andererseits impliziert dies auch, dass sich die Individuen in wesentlich stärkerem Maße als bisher mithilfe der Götter in risikoreichen Situationen abzusichern versuchten. Fragt man, inwieweit der Befund übergeordnete Tendenzen der betreffenden Zeit widerspiegelt, dürfte weniger die zeitgenössische, akademische Diskussion um das fatum und die Macht der Götter sowie die Freiheit und Verantwortung des Menschen aufgrund seiner voluntas von Bedeutung sein. Vielmehr bestimmten ganz offensichtlich jetzt auch Erfahrungen der Bürgerkriege und die religiösen Erneuerungsmaßnahmen unter Octavianus/Augustus individuelle religiöse Praktiken. Die öffentlichen restitutiven Maßnahmen gaben allem Anschein nach ein Vorbild für die von da an in großem Umfang einsetzende private Votivpraxis ab. Doch trotz des massiven Aufkommens der neuen Kommunikationsform des Gelübdes, gehen Geschenke an Götter während der römischen Kaiserzeit nicht zurück oder verschwinden gar ganz. Die Studie zeigt deutlich, dass donum- und votum-Inschriften sehr unterschiedliche Vorstellungen und Praktiken zugrunde lagen.

Beginnend mit dem Anfang der 1920er Jahre erschienenen Essai sur le don von Marcel Mauss erfolgte in der anthropologischen und soziologischen Forschung eine intensive Auseinandersetzung mit der sozialen Bedeutung und den Funktionen des Schenkens: Geben, Nehmen und Erwidern definierten eine unabdingbare Einheit, die soziale Beziehungen begründe und aufrecht halte. Wo lassen sich in dieser Diskussion die lateinischen Sakralinschriften mit der Wendung donum dedit und im Vergleich dazu jene mit den Formeln votum solvit oder ex voto einordnen? Inwiefern reflektieren sie soziale Bindungen von Menschen und Göttern? Während Votivinschriften den letzten Schritt einer Handlungskette markieren, mit dem eine Kommunikation zwischen Menschen und Göttern abgeschlossen wird, haben dona einen prospektiven, positiv offerierenden Charakter. Zumindest jene Fälle, in denen ein Grund für die Schenkung genannt ist, deuten daraufhin, dass es sich um Gegengaben handelt, um Erwiderungen und damit die dritte Stufe im Mauss’schen Gabenmodell. Aufschlußreich ist dabei, dass die Überwindung existenzieller Nöte wie Krankheiten und Gefahren, die unterwegs und in Kriegssituationen drohten, kein Grund für ein Geschenk an die Götter war. Es scheint, als habe sich die breite Bevölkerung ab augusteischer Zeit nicht mehr allein nur auf das Wohlwollen der Götter verlassen und darauf vertraut, dass diese das donum akzeptieren und ihrerseits in entsprechender Weise zurückgeben. Vielmehr ging man kein Risiko (mehr) ein und versuchte, sich mittels eines votum des göttlichen Beistandes regelrecht zu versichern. In Inschriften, in denen der Begriff donum gemeinsam mit votum auftritt, rückt das donum regelmäßig in den Vordergrund. Es scheint den betreffenden Dedikanten ein bewusstes Anliegen gewesen zu sein, nicht nur ihre Pflicht, das Gelübde, zu erfüllen, sondern die Kommunikation mit den Göttern ebenfalls vorausschauend offen zu halten. Sie ordneten damit ihre sakralrechtliche Verpflichtung der sozialen unter.

 

 

 

15.3.2012 - 14.3.2014

Lise Meitner-Stelle des Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)
am Institut für Alte Geschichte und Altertumskunde, Papyrologie und Epigraphik der Universität Wien:

Grundlagen einer Risikoforschung zur römischen Kaiserzeit

 

Zusammenfassung des Projekt-Endberichtes:

Im heutigen Lebensalltag liegt unseren Entscheidungen und Verhaltensweisen fast immer, nicht sel­ten aber gänzlich unbewusst, die Abschätzung von Risiken zugrunde. Was Menschen vor 2000 Jah­ren für sich oder ihnen nahestehende Personen als mögliche Bedrohungen wahrnahmen und wie sie sich in derartigen Situationen verhielten, ist bisher nie systematisch untersucht worden. Mit dem Pro­jekt wurde daher ein neues Arbeitsfeld für die Altertumswissenschaften eröffnet. Sieben Bei­spiele zeigen erste Forschungsperspektiven auf, zugleich die enge Verknüpfung mit Nach­bar­dis­zi­plinen sowie die ertragreiche Anwendung erprobter Methoden aus den modernen Sozial- und Na­tur­wissenschaften.

Für die heutige Definition von Risiken spielt die exakte Berechnung der Wahrscheinlichkeit, mit der ent­sprechende Situationen eintreten können, eine entscheidende Rolle. Die Überlegung, wie man es in der Antike unternahm, künftige Ereignisse zu prognostizieren, stand daher am Beginn der Un­ter­such­ungen. In weiteren Schritten wurden die in lateinischen Grabinschriften genannten To­des­ur­sa­chen analysiert, als Beispiel einerseits für faktisch eingetretene Risiken, andererseits und gänzlich ver­gleichbar mit heutigen Medien für die Nachrichtenauswahl in der römischen Kaiserzeit. Die Aus­einandersetzung mit Votiven, seien es in Heiligtümern abgelegte Waffen oder Darstellungen von Wickelkindern in Ton oder Stein, gab Einblicke, wie Menschen sich mit göttlicher Hilfe vor dro­henden Gefahren zu schützen versuchten. Beobachtungen der Religionswissenschaften und Volks­kunde für die frühe Neuzeit zeigen, dass das Verhalten in Risikosituationen wie Krankheit oder Kindsnöten, die sich über Zeit und Raum gleichen, in identischen Motiven Ausdruck finden kann. Womit sich Menschen für die göttliche Hilfe, die sie in einer subjektiv empfundenen Not­si­tua­tion erbeten hatten, bedankten, wurde exemplarisch in einer Studie untersucht, die auf die Ein­lö­sung von Gelübden mit Bauten und Bauteilen fokussierte. Die zentrale Bedeutung von Ri­si­ko­für­sorge für den Bereich des antiken Wirtschaftslebens und ihre Verrechtlichung wurden anhand der Frage nach der Funktion der Aufschriften auf mediterranen Warenbehältern analysiert. Sie können über­zeugend als Konsequenzen der Risiken ihres Transportes, konkret als Elemente der in der See­fahrt üblichen Seedarlehen interpretiert werden.

 

 

 

© Ulrike Ehmig